
Foto: Alex Gorski
Henryk „The Modest“ Broder ist ohne Zweifel der streitbarste und zugleich unterhaltsamste deutsche Publizist unserer Tage. Der „Berserker“, wie Broder von Patrick Bahners liebevoll genannt wurde, gibt im Gespräch mit 30 Years Auskunft
über sein Verständnis von Freiheit, Geschichte und Gerechtigkeit, über das Wesen des Journalismus und die Magengeschwüre seiner Kritiker.
In einem kleinen Café in Berlin-Charlottenburg
Broder: Sie haben keinen Tee bestellt?
30Y: Nein, ich hab’ mich jetzt doch anders entschieden, weil das mir zu kompliziert war.
Broder: Was ist daran kompliziert, einen Tee zu bestellen? Zu viele Sorten? Kommen Sie aus der DDR und finden sich deshalb im Überfluss nicht zurecht?
30Y: Ja.
Broder: Sie sind aus der Zone? – Oh, ’tschuldigung, war nicht bös’ gemeint. Aber so geht’s mir bis heute: In Polen gab es zwei Sorten Quark und hier steh’ ich vor der Theke und weiß nicht, was ich machen soll. Ich geh’ ins Restaurant, gucke die Speisekarte rauf und runter und dann bestelle ich doch Tomate Mozzarella. Jedes Mal.
30Y: Eine Zeit lang habe ich dann immer die anderen für mich bestellen lassen …
Broder: Die können uns Ossis nicht verstehen.
30Y: Ich will jetzt nicht über Ihre typischen Themen sprechen. Nicht über …
Broder: … Essen, Trinken, Abnehmen, Gewicht verlieren …
30Y: Ich würde gern wissen, was Sie unter Freiheit verstehen.
Broder: Freiheit? Ich glaube, Sie können nur einen Begriff von Freiheit haben, wenn Sie Unfreiheit erlebt haben. Wie alt sind Sie?
30Y: 25.
Broder: Das heißt, dass Sie kurz vor dem Mauerfall geboren wurden. Ich glaube, dass Sie einen völlig anderen Freiheitsbegriff haben als ich. Ich bin in Polen elf Jahre aufgewachsen und kann mich noch erinnern, was Unfreiheit ist. Freiheit lässt sich wahrscheinlich nur definieren über Unfreiheit, wie Gesundheit über Krankheit. Und deshalb kann ich für mich nur sagen, Freiheit ist die Abwesenheit von Unfreiheit: Dass ich in Ruhe gelassen werde, dass mir keiner sagt, was ich tun soll und was ich nicht tun darf. Ich möchte im Rahmen für alle geltender Spielregeln in Ruhe gelassen werden. Mehr will ich gar nicht.
30Y: Was heißt das für den Journalismus? Gehört es zu seiner Aufgabe, sich einen solchen Freiheitsbegriff zu eigen zu machen?
Broder: Ich glaube, dass die meisten Journalisten Journalisten geworden sind, weil sie glaubten, dass sie dann jeden Tag mit dem Kanzler frühstücken können.
30Y: Mit der Kanzlerin.
Broder: Den Journalisten ist das egal, Hauptsache, es ist jemand, der in der Regierungshierarchie hoch angesiedelt ist. Und zu Mittag gibt es dann ein geheimes Briefing mit einem ausländischen Außenminister, in dem vertraulich mitgeteilt wird, was gestern schon in der Zeitung stand. Und abends werden sie dann von der Schönheitskönigin aus dem östlichen Westfalen flachgelegt. So stellen sich die Leute den Journalismus vor; das Blöde ist nur: Oft sieht es tatsächlich so aus. Dieser Beruf hat wirklich etwas mit Vorstellungen zu tun, wie sie Mädchen haben, die sich bei Heidi Klum bewerben und Model werden wollen. Es ist allerdings eine ziemliche Strapaze, von der Königin von Westfalen flachgelegt zu werden.
30Y: Narzissmus?
Broder: Ja, Narzissmus, Journalismus ist so eine Art höherer Serviceeinrichtung, wie Escortservice ohne Anfassen.
30Y: Und deswegen sind auch Sie Journalist geworden?
Broder: Nein, nein … der Traum eines jeden Journalisten ist es, endlich Regierungssprecher zu werden. Tucholsky hat einmal gesagt: „Der deutsche Traum: Hinter einem Schalter zu sitzen. Der deutsche Alptraum: Vor einem Schalter zu stehen.“ Die meisten Journalisten träumen den Traum vom Regierungssprecher. Ich habe neulich diesen netten Herrn Seibert gesehen, der jetzige Regierungssprecher von Frau Merkel. Der war früher Nachrichtenmoderator beim ZDF. Wissen Sie was? Diese arme Sau muss jeden Tag um sechs Uhr morgens aufstehen. Wenn er um acht zum Dienst geht, muss er schon alle Zeitungen gelesen haben. Was einen vernünftigen Menschen dazu bringt, so einen Job anzunehmen, kann ich überhaupt nicht verstehen. Ich war 16 Jahre beim „Spiegel“, und die größte Genugtuung war, dass ich morgens beim Aufwachen wusste, dass meine Kollegen schon zwei Konferenzen hinter sich hatten. Diese Genugtuung ist bei der „Welt“ nicht ganz so groß, weil da die Konferenzen am Nachmittag stattfinden. Ich bin kein Journalist, ich schreibe einfach gern, weil ich nichts anderes kann. Ich tue das, weil ich so viele Sachen nicht verstehe und nicht begreife. Ich versuche sie mir zu erklären, indem ich darüber schreibe, aber ich habe keinen Ehrgeiz, die Welt zu verändern.
30Y: Sie folgen also keinem Auftrag?
Broder: Nein, überhaupt nicht. Ich bekomme ja relativ viele Leserbriefe, die damit enden, dass sich einer über etwas empört, das ich geschrieben habe, und die letzte Zeile lautet dann immer: „Und dafür kriegen Sie auch noch Geld?!“ Und dann schreibe ich zurück: „Ja, und zwar sehr viel!“ In Deutschland können Sie alles werden, Sie können Massenmörder werden, Sie können den zweiten Weltkrieg anzetteln, Sie dürfen nur kein Nummernkonto in der Schweiz haben. Wenn Sie die größten Verbrechen aus Idealismus begehen, ist alles OK. (Auf eine Frau blickend:) Das ist keine Berlinerin. Dafür hat sie zu lange Beine.
30Y: Die Zeitschrift Neugier.de, an der Sie maßgeblich beteiligt sind, wirbt mit einem nonkonformistischen Verständnis von Journalismus …
Broder: Ich weiß gar nicht, ob das Journalismus ist. Gestern habe ich die halbe Nacht vor dem Fernseher wegen Mubarak gehangen. Und da kamen die ganzen Experten, die alle wussten, warum es passiert war, aber leider vorher nichts gesagt haben. Das sind alles Experten post festum, alles Frauen im siebten Monat, die dann anderen sagen, wie man verhütet, eine Bande von Bluffern, Wichtigtuern, Angebern, Aufschneidern, Hochstaplern. Ich hätte gern von ihnen gehört, was mit Ahmadinedschad in drei Wochen sein wird. Haben sie aber nicht gesagt.
30Y: Warum gibt es dann all die Experten? Wozu sind sie da?
Broder: Das ist ein selbstreferenzieller Betrieb. Amöben und Quallen vermehren sich ungeschlechtlich. Experten vermehren sich, indem sie sich gegenseitig bestätigen. Das funktioniert so lange, bis eines Tages ein Kind aufwacht und sagt: „Der Kaiser ist nackt.“ Und dann merken sie, dass es kalt um die Eier wird.
30Y: Sie haben kürzlich in der Talkshow „Unter den Linden“ gesagt, dass manchmal an einem Stammtisch mehr Klugheit sei als bei den Journalisten. Welche Rolle spielt für Sie der einfache Mensch?
Broder: Die meisten Sachen sind ja wirklich einfach. Sie werden nur von Akademikern schrecklich verkompliziert, grauenhaft verkompliziert. Leute wollen leben, zufrieden sein, einkaufen gehen, in die Ferien fahren, Sex haben, morgens lange schlafen und möglichst wenig bevormundet werden. Das sind alles Naturbedürfnisse. Und dann wird es kompliziert, dann kommen die Erzieher und die Soziologen und die Sozialarbeiter und die Berater und die Anwälte und machen aus einfachen Dingen komplizierte. Ich finde, dass im ganzen Leben das Bauhaus-Prinzip gilt: Gute Sachen sind einfach. Ein gutes Bauhaus-Haus ist sehr einfach, es hat entweder eckige Balkone oder runde. Es ist funktional, und wo man anfängt, Schnörkel zu bauen, Erker und Balkönchen, da wird es hässlich. Form follows function, das gilt auch für alles andere im Leben. Ich breche jeden Text ab, wenn ich merke, dass ich einen Absatz zweimal lesen muss, um ihn zu verstehen.
30Y: Dann hätte ich ziemlich viele Texte abbrechen müssen.
Broder: Sie haben studiert? Sie haben es durchgehalten?
30Y: Sie haben es abgebrochen …
Broder: Ich hab’s nicht ausgehalten und nur so getan, als ob ich studieren würde: Soziologie, Sozialpsychologie und Volkswirtschaft. Aber in der Wissenschaft gibt es auch gute Texte: Ich habe neulich Niall Ferguson in Australien gehört. Hochqualifiziert, redet völlig verständlich, schreibt verständlich, sehr substanziell, sehr witzig.
30Y: Der Hang zum Unverständlichen könnte von der Angst herrühren, dass das Gesagte letztlich doch ziemlich einfach ist.
Broder: Es ist Blendwerk. Wenn einer den Stuhl, auf dem Sie sitzen, so machen würde, dass ein Bein kürzer ist, wäre das ein unfähiger Tischler und würde von der Firma Thonet keinen Auftrag mehr bekommen. Aber wenn das ein Sozialwissenschaftler macht, ist er innovativ.
30Y: Eigentlich müsste in der Wissenschaft doch nach richtig oder falsch beurteilt werden.
Broder: Es kann damit zu tun haben, dass früher alles Philosophie gewesen ist. Heute haben wir Disziplinen, die wahrscheinlich alle vom Hauptmann von Köpenick erfunden wurden: Gender-Studies, Holocaust-Studies, Cultural-Studies … Vielleicht hat ja die Aufblähung des Wissenschaftsbetriebes zu dieser Verwässerung der Substanz beigetragen.
30Y: Demnach gibt es zu viele unfähige Tischler, um in Ihrem Bild bleiben. Und um trotz der fehlenden Nachfrage nach Stühlen und Tischen noch Tischler werden zu können, werden schiefe, unbrauchbare Designermöbel erfunden.
Broder: Schauen Sie, ich habe jetzt vor ein paar Tagen einen Preis bekommen und die ganze deutsche Journaille war da. [Anm. d. Red.: Gemeint ist die Verleihung des vom „Medium Magazin“ ausgelobten Preises „Journalisten des Jahres 2010”. Henryk M. Broder hat den zweiten Preis in der Kategorie „Politik“ erhalten.] Die standen da, holten sich einen runter und lobten sich dafür, wie mutig und couragiert sie doch sind. Ich dachte: Nix wie weg! Irgendwann habe ich meiner Frau ein Zeichen gegeben: Wir gehen!
30Y: Wie sah das Zeichen aus?
Broder: (pfeift) Wie bei den Arabern: Jalla! Nach Hause! (lacht) – Die saßen da rundherum und bestätigten sich gegenseitig Engagement und Courage. Das ist so, als würde sich eine Gruppe Busfahrer gegenseitig bestätigen, dass sie jeden Morgen den Bus übernehmen, dann die Strecken fahren, die auf der Route vorgesehen sind und dann den Bus nicht nach Polen verkaufen, sondern in die Garage zurückbringen. Völlig übersteigerte, überzogene self inflated egos! Ich dachte, dass irgendwann der Ballon platzen muss, aber die halten viel aus. Da war ein Herr Lütgert vom NDR und hielt eine Rede, dass ich dachte, er wird sich gleich noch bei dem Gynokologen dafür bedanken, dass er seine Mutter entbunden hat. Er sagte: „Und ich danke meiner Redaktion und meiner Rechercheurin und danke meinem Pförtner …“ Er hat, glaube ich, dem ganzen NDR gedankt. Das war irgendwie komisch und hätte eine Loriot-Nummer sein können. Aber die haben es alle ernst gemeint. Das ist genau das, was ich nicht mag. Das ist nicht, was ich mache. Das ist eigentlich alles, was ich verachte. Und da gehe ich nie wieder hin – außer Barbara Schöneberger würde mir den Preis im Bikini überreichen. Dann überleg’ ich’s mir nochmal.
30Y: Sie stehen auf Barbara Schöneberger?
Broder: Ja. Meine Frau kann das auch nicht verstehen. Aber wenn es Sie tröstet: Ich kann Claudia Roth nicht ausstehen.
30Y: Was, denken Sie, treibt Claudia Roth an?
Broder: Ich weiß nicht, was sie antreibt. Ich muss aber zugestehen, dass ich Leute wie Claudia Roth und Michel Friedman gelegentlich darum beneide, dass ihnen das Peinlichkeits-Gen fehlt. Ich hingegen spiele ab und zu die Rampensau, benehme mich daneben, weiß aber auch, wann ich aufhören muss. Außerdem habe ich eine Tochter, die jeden meiner Auftritte mit dem Satz quittiert: „Du bist so peinlich!“
30Y: Gab es für Sie so etwas wie ein Erweckungserlebnis?
Broder: Nein, aber bei uns zu Hause gab es immer eine Verachtung für Uniformen und für Leute, die den Staat repräsentieren, diese organische, naturwüchsige Ablehnung von Autorität, von Staat, von Uniformen. Alles, was irgendwie im offiziellen Auftrag geschieht, war suspekt. Das muss sich mir, glaube ich, mit den ersten Schritten in die Welt mitgeteilt haben. Ich parke beispielsweise immer im Halteverbot. Ich parke nicht auf Behindertenparkplätzen, nicht vor Einfahrten, nicht an der Ecke, aber Halteverbot? Was ist das eigentlich? Das elfte Gebot: Du sollst nicht parken? Gleich kommt der brennende Busch den Berg heruntergerollt! Ich glaube jedenfalls, dass Sie so eine Haltung in der Gesellschaft der Bundesrepublik immer noch besser ausleben können als in der ehemaligen DDR oder im alten Polen. Hier gibt einfach mehr eingebaute Freiräume. Andererseits bekommen Sie hier schon einen Preis für Zivilcourage, wenn Sie mal bei Rot über die Ampel gehen, solange kein Auto vorbeifährt. Das ist alles lächerlich. Das Schlimmste ist, wenn Leute auf mich zugehen und sagen: „Das war ein mutiger Artikel.“ Der war aber nicht mutig! Den habe ich mies, schlecht gelaunt zwischen sechs und acht Uhr morgens geschrieben und abgeschickt. Und dann habe ich mich wieder schlafen gelegt. Wenn das schon mutig ist, dann ist diese Gesellschaft verloren. In dieser Gesellschaft gibt es keinen Mut, das sind alles Freifahrtscheine. Mutig ist, wer gestern und heute in Kairo auf die Straße geht, wer in Tunesien Ben Ali davonjagt. Das ist Mut.
30Y: Gibt es viele Leute wie Sie, die diese Freifahrtscheine nutzen?
Broder: Reinhard Mohr. Mein Freund Leon de Winter. Cora Stephan. Thea Dorn. Sophie Dannenberg …
30Y: Es wird ja oft gesagt, dass es unterschiedliche Wahrheiten gäbe. Ist die Wahrheit überhaupt relativierbar? Und was verstehen Sie unter Wahrheit?
Broder: Das habe mich auch schon oft gefragt. Die Russen haben ein wunderschönes Sprichwort: Es gibt keine hässlichen Frauen, es gibt nur nicht genug Wodka. Das ist sozusagen meine persönliche Relativitätstheorie.
30Y: Aber es muss doch auch ein Maß für Schönheit geben. Audrey Hepburn ist ein gutes Beispiel für zeitlose Schönheit. Niemand, den ich kenne, findet Audrey Hepburn nicht schön.
Broder: Schönheit ist immer relativ. Und natürlich ist auch die Wahrheit relativ, allerdings nicht immer und nicht jede: Magnus Gäfgen lebt und Jakob von Metzler ist tot. Wenn eine Frau vergewaltigt wird, wird sie vergewaltigt. Es gibt in der Tat Wahrheiten, an denen können Sie nicht rütteln. Nicht die Juden wollten die Deutschen ausrotten, sondern die Deutschen wollten die Juden ausrotten. Aber wenn sie so wollen, waren sowohl die Juden als auch die Waffen-SS-Leute im selben Lager gefangen. Es gibt diesen wunderbaren Witz: Mein Opa ist auch im Lager gestorben, der ist besoffen vom Wachturm gefallen. Da ist was dran. Aber es ist trotzdem ein gewaltiger Unterschied zwischen dem SS-Opa und dem anderen Opa, der irgendwo aus Kazimierz deportiert worden ist.
30Y: Sind Sie Optimist?
Broder: Ja. Ich glaube zum Beispiel, dass sich Gerechtigkeit durchsetzt, dass sie ein Naturgesetz ist.
30Y: Dass es das Gute gibt?
Broder: Nicht unbedingt das Gute, aber vielleicht die Gerechtigkeit: Die Sowjetunion war irgendwann am Ende, das Dritte Reich war am Ende, die DDR war am Ende. Republikanische, demokratische und liberale Systeme haben einfach eine bessere Chance zu überleben, weil sie auf Gerechtigkeit basieren. Irgendwann musste Mubarak gehen, nur wusste keiner, wann es passiert, und die Leute, die es angeblich wussten, lügen oder belügen sich selber. Ich glaube an Gerechtigkeit und bin Optimist. Ich glaube auch, dass es so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit gibt. So wie das System der kommunizierenden Röhren bewirkt, dass der Wasserpegel immer auf der gleichen Höhe ist, gibt es auch die ausgleichende Gerechtigkeit. Dass die Deutschen sich jetzt mit fünf oder sechs Millionen Moslems so schwer tun, ist sicherlich die späte Strafe dafür, dass sie mit 600.000 Juden nicht klar kamen, die relativ gut integriert waren und ihre Lebenshaltung niemandem aufdrängen wollten.
30Y: Das war zu einfach?
Broder: Ja, das war zu einfach. Das ist ja kein rein deutsches Phänomen: Sie können nicht von der Armut der anderen profitieren und dann plötzlich aufwachen und sagen: Ihr dürft nicht zu uns kommen. Wenn wir besoffen nach Mallorca fahren und die halbe türkische Küste kontaminieren, dann wollen die eingewanderten Türken auch auf einem Halal-Grill im Tiergarten ihr Lamm grillen. Das ist völlig OK. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.
30Y: Wiederholt sich dann Geschichte auf eine Weise?
Broder: Nein, das glaube ich nicht. Geschichte wiederholt sich nicht. Geschichte gehorcht eher physikalischen Gesetzen, wie beim Billardspiel: Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel.
30Y: Fühlen Sie sich eigentlich wohl in Deutschland?
Broder: Ja. Ich fühle mich vor allem in Berlin wohl. Ich habe ja mehrere Hass-Städte in Deutschland, ganz vorne Köln. (Ahmt Kölsch nach:) Köln ist so hässlich, so einzigartig hässlich. Wenn Sie in Köln nicht schwul sind, haben Sie sowieso keine Chance, dann werden Sie bei McDonald’s nicht bedient. Ich stehe da immer mit abgespreiztem Finger und werde trotzdem nicht bedient. Ich möchte auch nicht in Frankfurt oder München leben.
30Y: Warum nicht in München?
Broder: Zu schick. Berlin ist genau richtig, Berlin ist wirklich arm, aber sexy. Hier wird man in Ruhe gelassen und muss nicht mit einem Lederjanker herumlaufen. Ich bin immer platt, wenn ich durch München gehe, wie viele extrem elegante Menschen es dort gibt. Gucken Sie sich hier mal um! Das ist eine arme Stadt! Das ist doch nett, das ist aufrichtig. Ich geh lieber zu einem Asiaten, wo Sie für fünf Euro einen Teller Suppe bekommen. – Haben Sie Hunger?
Ortswechsel: in einer asiatischen Suppenküche
30Y: Aber die Frage ist doch, wie viele relative Wahrheiten der Mensch erträgt. Gender-Mainstreaming zum Beispiel ist eine besonders starke Form des Relativismus und mittlerweile vollkommen etabliert.
Broder: Eine Frage der inneren Haltung, wissen Sie? Sie können auch darüber bestimmen, ob es B-, C- oder D-Körbchen werden, können Sie alles selbst entscheiden. Autonome Brüste … Ich hab’ das alles hinter mir, ich bin ja in diesem Milieu aufgewachsen, meine Frau war eine Weile Redakteurin bei der „Emma“, ich kenne das alles: Die Debatten darüber, ob Penetration Gewalt ist, ob man doch nicht lieber kuschelt und rubbelt … alles hinter mir! Aber wissen Sie, was ich heute so toll finde? Es gibt viele junge Frauen wie Sie: klug, selbständig, gut aussehend, resolut – zu meiner Zeit gab es die nicht. Die trugen alle Latzhosen und wuschen sich nur einmal die Woche die Haare, trugen nur Büstenhalter bei Größe A, ab Größe B prinzipiell keine. Und wenn sie Büstenhalter hatten, gingen die vorne auf, und nicht hinten.
30Y: Wann hat es eigentlich damit angefangen, dass Sie regelmäßig in Talkshows eingeladen werden, wenn die Redaktion unbedingt noch eine unangepasste Gegenstimme braucht?
Broder: Ich werde eigentlich nur eingeladen, damit die Leute nicht einschlafen.
30Y: Wie fühlen Sie sich als Pausenclown?
Broder: Prima!
30Y: Sie wollen gar nicht ernst genommen werden?
Broder: Ist mir völlig wurscht. Nach jedem Auftritt erlebe ich, dass die Leute zu mir sagen: Jetzt bist du aber zu weit gegangen! Und drei Minuten später sagen andere Leute: Heute waren sie aber richtig zahm! Das ist relative Wahrheit.
30Y: Was machen Sie in London? [Anm. d. Red.: Das Interview hatte kurz vor einer Podiumsdiskussion an der London School of Economics stattgefunden, zu der Henryk M. Broder, Thilo Sarrazin, Hellmuth Karasek und Ali Kizilkaya geladen waren. Durch demonstrierende Studenten kam es zu tumultartigen Auseinandersetzungen.]
Broder: Ich fahr’ nur hin, weil die mir ein Fünf-Sterne-Hotel besorgt haben. Ich bin wahnsinnig gerne in teuren, luxuriösen Hotels. Und dann will ich in London Schuhe, Spielzeug und Ginger Bread kaufen. Ich sammle Blechspielzeug.
30Y: Sie gehen also vor allem shoppen?
Broder: Shoppen, fernsehen und mal gucken, ob ich ein neues Café entdecke, und dann soll es einen neuen jüdischen Deliladen irgendwo im Eastend geben … Hunderte von Deutschen in London regen sich jetzt schon darüber auf, dass ich da am Montag hinkomme. Was sie nicht wissen, ist, dass ich schon am Samstag anreise, um noch zwei Tage in Ruhe shoppen zu können. Die Magengeschwüre meiner Kritiker wachsen im selben Tempo, wie ich mein Geld ausgebe. Aber das sind alles Leute, die einen Dialog führen und ergebnisoffen diskutieren wollen, sie wollen auch alles hinterfragen – nur bei Thilo Sarrazin und bei mir setzt das aus.
30Y: Das erinnert mich an das Kind, das beim Völkerball auf der Bank sitzen musste, bloß dass die Bank heute das Hilton-Hotel ist. Das ist eine andere Art Außenseiterdasein. Zudem werden Ihre Eltern nicht in die Schule beordert, wenn Sie etwas angestellt haben. Welche Rolle spielen Ihre Eltern heute für Sie?
Broder: Meine Eltern sind beide schon lange tot, und ich habe bis heute das schlechte Gewissen. Und das geht auch nicht weg. Ich glaube, ich habe gestern wieder von meiner Mutter geträumt. Sie müssen damit leben, wie mit einem zu kurzen Bein oder mit einer Sommerallergie.
30Y: Man hat das schlechte Gewissen und kann es nicht ablegen …
Broder: Ja, so ist es halt, denn das auch noch zu bekämpfen, wäre nur zusätzlicher Aufwand. Aber es wird besser, wenn Sie eigene Kinder haben, weil Sie dann von ihnen mies behandelt werden, und das gleicht es wieder aus. Meine Tochter hat mich allerdings nie wirklich mies behandelt, was ich beinahe bedauerlich finde. Ich habe meine Eltern ziemlich schlecht behandelt.
30Y: Haben Sie trotz allem diesen Lebenstrieb?
Broder: Ja!
30Y: Verändert sich dieser im Laufe der Jahre?
Broder: Nein. Das ist so eingebaut. Ich kann mich allerdings an meine Kindheit kaum erinnern, ich habe das alles ausgeblendet.
30Y: Ist dieses Vergessen auch eine Form des Lebenstriebs?
Broder: Für Sie und für mich ist die eigene Existenz die wichtigste. Sonst könnten wir gar nicht leben. Es trifft Sie doch nicht wirklich, wenn in Haiti die Erde bebt. Aber wenn Sie einen Wasserrohrbruch in der Küche haben, dann ist das eine Katastrophe! Ich hasse Leute, die sich opfern, für andere etwas machen oder in einem höheren Auftrag unterwegs sind, alles Schwindler!
30Y: Vielleicht plagt diese Menschen auch das schlechte Gewissen, nur gehen sie anders damit um?
Broder: Sie können zu den liberalsten Leuten sagen: „Das mit dem Klima ist völliger Quatsch.“ Und dann rasten sie aus! Genauso gut könnten Sie zu ihnen auch sagen: „Ich mache am Dienstagnachmittag eine Teufelsaustreibung, kommste vorbei?“
30Y: Was ändert sich für die Menschen, die an die Klimakatastrophe glauben?
Broder: Nichts. Sie fühlen sich besser, aber es ändert sich gar nichts. Wenn sich etwas verändert, dann verändert es sich von alleine. Alice Schwarzer zum Beispiel glaubt, sie habe wesentlich zur Befreiung der Frau beigetragen. Das ist völliger Quatsch, zur Befreiung der Frau haben entscheidend die amerikanischen Forscher beigetragen, die die Pille erfunden haben. Damit haben sich die objektiven Lebensumstände geändert. Das ist so, als würde vorneweg die Titanic fahren und hinterher fährt eine kleine Barkasse. Und der Barkassenkapitän zuckt zurück und sagt: „Boah, ich schlag’ aber große Wellen!“ Willkommen, Frau Schwarzer!
30Y: Alice Schwarzer therapiert nur ihre eigenen Probleme?
Broder: Das machen wir alle. Wir therapieren uns alle, das ist vollkommen normal, der Unterschied ist nur: Ich weiß es, und Alice Schwarzer weiß es nicht. Ich klopfe zweimal die Woche bei mir selbst an und sage: Hallo, hier ist die Therapiestunde!
30Y: Aber irgendetwas muss doch ernst dabei sein?
Broder: Die Geburt und der Tod. Dazwischen ist nur Unterhaltung.




